5 Millionen Aufrufe seit März 2014

Sie vermissen eine spezielle Biografie oder einen Artikel zu einem besonderen Thema? Dann helfen Sie bitte und schicken Sie uns eine Mail.

San Martino de Kastrozza

Aus Zauber-Lexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche
San Martino de Kastrozza, um 1940
San Martino de Kastrozza, um 1940
San Martino de Kastrozza, um 1940

Prof. San Martino de Kastrozza (* 13. April 1877 in Estland als Julius Skrastin; † 21. Juni 1946 in Braunau/Österreich) war ein russischer Berufszauberkünstler, der zusammen mit seiner Partnerin La Sultana auftrat.

Leben

Auf seinem Schulweg kam er häufig an einem Wandertruppe eines Zirkusses vorbei, die ihn faszinierte. Eines Tages verließ er sein Elternhaus und folgte der Wandertruppe. Er wurde Mitglied im Zirkus. Einige Jahre danach kam er zu einem italienischen Zirkus und schloss sich hier einer Luftakrobatendarbietung an. Bei einem Engagement in Moskaus 1891 stürzten einige der 13-köpfigen Luftakrobaten ab. Auch Kastrozza wurde verletzt und konnte danach nicht mehr als Akrobat arbeiten. Per Zufall lernte er kurz danach den Zauberkünstler Bruno Schenk kennen, bei dem er in die Lehre ging.

Presse

Aus der MAGIE, Heft 5, Mai 1939, Hellmuth Teumer : Die Entstehungsgeschichte einzelner Künstlernamen zu verfolgen, dürfte interessant sein. So ist bei obigem Zauberer aus den Einzelbuchstaben des bürgerlichen Namens „Skrastin“ der romantisch klingende Künstlername "San Martino de Kastrozza“ entstanden. Wenn zu dieser Namenillusion noch ein Professortitel kommt und wenn außerdem die Reklame lautet: „Der Magier des letzten Zaren Nikolaus II. von Rußland“, ja, dann weiß ich überhaupt nicht, was dann noch ziehen soll, wenn dieser Blickfang nicht wirken würde. Ein mit 128 Edelsteinen versehener Stern und noch 2 andere goldene Orden erinnern obigen Künstler voll Dankbarkeit an seine Tätigkeit am früheren russischen Hofe und den des Schahs von Persien. Es sind also Orden, die verliehen worden sind, worüber sich jeder freut, wenn er sie tragen darf. Wenn ich jetzt in meinem Bericht etwas weiter aushole, dann tue ich dies deswegen, weil obiger Künstler als geborener Russe schon deswegen interessant ist, weil das alte Russland an und für sich sehr wenig Zauberkünstler im Verhältnis zu manchen anderen Ländern hervorgebracht hat. Mir sind überhaupt nur drei bedeutendere, altrussische Künstler bekannt. Außerdem aber marschiert der Titel "Professor“, den San Martino de Kastrozza in Rußland bekommen hat, in Deutschland in einer "besonderen“ Wertung. Der Titel „Professor der Zauberkunst“, der im alten, monarchistischen Russland verliehen worden ist, existiert in Deutschland als solcher nicht, denn einen Professor der Magie gibt es hier nicht. Früher, wo "Chevalier, Ritter, Doktor, Professor, Hofzauberkünstler“ als Titulaturen für Zauberkünstler oft gebraucht wurden, aber ebenso oft, besser gesagt, meistens unberechtigt zu Reklamezwecken benutzt wurden, ist oft ein harter Kampf im Sinne des lauteren und unlauteren Wettbewerbes geführt worden. In Deutschland ist, wie überall, so auch hier Klarheit geschaffen worden, und es dürfte in Deutschland kaum einen Künstler geben, der gegen die gesetzlichen Bestimmungen zu handeln wagen würde. Das deutsche Recht schützt die deutschen Titel. Selbst wenn ein Titel im Ausland ordnungsgemäß erworben worden ist, bestehen ganz bestimmte gesetzliche Vorschriften, ob dieser ausländische Titel in Deutschland überhaupt geführt werden darf. Es wird also immer von Fall zu Fall zu entscheiden sein, wie weit ausländische Titulaturen hier geführt werden dürfen. Tatsache ist jedenfalls, daß der Besitz allein von Dokumenten usw., betr. eines ausländischen Titels, in Deutschland nicht ohne weiteres das Recht gibt, diesen Titel hier zu führen. In jedem Spezialfall wird dann die Titelführung in Deutschland rechtlich genehmigt oder abgelehnt werden müssen.

Es ist vielleicht ganz interessant, wenn auch dieses Thema einmal zur Sprache kommt!

Professor San Martino de Kastrozza besitzt die Dokumente des „russischen Professors der Zauberkunst“. Er wird, wie ich annehme, indem ich auf vorhergehende Ausführungen hinweise, natürlich auch die deutsche Genehmigung der Titelführung dieses ausländischen Professortitels besitzen. - Kastrozza ist jetziger Estländer im Alter von 62 Jahren. Voll Stolz zeigte er eine goldene Uhr mit dem alten russischen Wappen, ein Geschenk des Bruders des letzten Zaren. Dem russischen Bolschewismus entronnen, ging Kastrozza nach Deutschland und Holland. Alle Größen des russischen Kaiserreiches kannte er natürlich persönlich; Rasputin, Tolstoi usw. traten in seinen Kreis. In Lettland geboren, durch die Schule eines Wanderzirkus gegangen, in Moskau abgestürzt, fühlte er sich von Jugend an zum Zauberkünstler geboren, Er bildete seine Manipulationsfähigkeiten weiter aus. In Petersburg zauberte er vor dem Zaren, wurde dort zum Professor und Hofzauberkünstler ernannt. Der spanische Königshof und der Schah von Persien sahen ihn zaubern. Kein Wunder, daß es ihm daher finanziell glänzend ging. Mit reichen Geschenken damals überladen, wurde er der Märchenzauberer, den sich viele Kleine erträumt haben, aber nie geworden sind. Und dann kam der Große Krieg. Kastrozza mußte seinen Sohn beklagen, der im russischen Heer fiel. Der Künstler selbst zauberte in Gefangenenlagern und Lazaretten. Die russische Revolution kam, mehrere Male wurde der "Monarchist“ Kastrozza zum Tode verurteilt. Ebensooft konnte der Verurteilte aber entfliehen, und nun endlich ist er im sicheren Hafen, im großen Deutschland, das er liebt und wo er alles das zu vergessen sucht, was ihm die letzten Jahrzehnte genommen haben. Er ist begeistert von Deutschland. Wie könnte das auch anders sein? Und nun seine Vorführungen. Zunächst bringt er die Tuchfärbung. Auf einer Art Leuchter hat er 3 elektrische Glühlampen, weiß, rot und grün. Diese benutzt er zum Durchleuchten der Tücher und der Karton-Papierrolle, – und dann bei dem Färben nimmt er scheinbar mit der Hand das rote Licht weg und wirft es nach der Papierrolle – und aus dem einen weißen Tuch wird „dadurch“ ein rotes Tuch. Es erfolgt dasselbe mit der grünen Lampe. Er "wirft“ dieses grüne Licht scheinbar in die Kartonröhre, und aus einem andersfarbigen Tuch wird "dadurch" ein grünes Tuch. Natürlich ist es die alte Tuchfärbung, aber die Kombination und nur diese gerade macht es elegant und andersartig. Ein gezeichneter, vom Publikum entliehener Zwanzigmarkschein verschwindet aus der Hand des Künstlers. Dieser entnimmt seinem Frack 2 Kartoffeln, in einer derselben befindet sich dann dieser Zwanzigmarkschein. Die Ringpost mit Uhren und Ringen wird flott und verblüffend vorgeführt. Uhren und Ringe, in einem Seidentuch verpackt, werden in einem Kasten verstaut. Dieser Uhren-Ringbeutel verschwindet daraus, während eine lebende Taube darin erscheint. Die Uhren und Ringe erscheinen dann, nach dem System der bekannten Ringpost, in einer kleinen polierten Schatulle, die sich wiederum in acht immer größeren Schatullen, sogar in verschnürtem Papier befunden hat. Die Ringpost wirkt immer wieder unterhaltend.

Unzweifelhaft der stärkste Trick, den Prof. San Martino de Kastrozza bringt, ist seine Packkisten-Illusion. Eine große Kiste wird vorgezeigt und abgeklopft. Eine Versenkung kommt nicht in Frage, da mitten im Parkett vorgeführt. Die Partnerin des Künstlers, La S u l t a n a , steigt dann in die Kiste, die mit Schlössern verschlossen und mit einem Strick kreuzweise verknüpft wird. Ein großer Paravent wird herumgestellt. Kastrozza steigt auf die Kiste, hält dann eine Art Vorhang vor seinen Körper, so daß man nur noch seinen Kopf sieht. In außerordentlich verblüffender Schnelligkeit erscheint dann Sultana hinter dem Vorhang und steht auf der Kiste, während der Künstler selbst sich darin eingeschlossen befindet. Der Austausch war außerordentlich geschickt und so raffiniert schnell, daß man selbst als Fachmann nur den Kopf schütteln kann, wie schnell es diesem körperlich großen Künstler möglich war, in die Kiste zu schlüpfen. Es war dies ein außerordentlich starker Schlußtrick, der nicht nur das Publikum sondern auch die Fachleute restlos begeisterte.

La Sultana betätigte sich vor der Ringpost selbst aktiv als Zauberkünstlern! Sie brachte die Papierfaltekunst wieder zu Ehren und wirkte mit ihrem schweren, östlichen Akzent und ihrer fabelhaften äußeren Erscheinung wie ein Gemälde der alten, guten Zauberkunst. Die Papierfaltekunst als Zauberspielerei betrachtet, war für sie wie geschaffen. Zuckerschaufel, Epauletten, Strohhut, Walze, Becher, Mütze, Barett, Lampenschirm, Vase usw. wurden, ohne langatmig zu werden, aus einem entsprechend gefalteten Papierbogen ummodelliert. Zauberisch nur eine Spielerei, aber von einer eleganten, schönen Frau gebracht, ein Gedicht aus dem goldenen Buche der Magie! Wenn man beide Künstler dann zusammen betrachtet, so darf man behaupten, daß Prof. San Martino de Kstrozza und La Sultana zusammen einen Zauberakt darstellen, der schon rein äußerlich alles andere als durchschnittlich ist. Er, der lange, hagere, weißhaarige Hofmagier, sie, die junge, interessante und schöne Bühnenerscheinung – erinnern an Zeiten, wo die Zauberkunst noch hoffähige Kunst war, wo sie noch nicht zu Jahrmarktsklamauk degradiert wurde. Ich bin überzeugt, wenn Künstler dieser Art wie San Martino de Kastrozza und seine Partnerin unsere schöne Magie wieder zu Ehren bringen, daß dann auch verwöhnte Zuschauer, Feinschmecker unter den Kabarettbesuchern wieder unsere Kunst voll zu würdigen wissen.

Herausragende Auftritte

  • Vor dem deutschen Kaiser, auf dessen Zarenjacht vor Reval
  • Vor dem König von Spanien in Madrid
  • Vor dem Schah von Persien

Quellen

  • Erich Tauer-Turmi: Programm-Beispiele erfolgreicher Zauberkünstler, in: Heitere Zauberkunst, Studio III - Weltweite Magie, Berlin 1971, S. 97
  • Helmuth Teumer: Prof. San Martino de Kastrozza, in: Magie, 22. JG, Heft 5, Mai 1939, S. 184 ff.
  • Berliner illustrierte Nachtausgabe, Mittwoch, 14. April 1943