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Roy Horn gestorben

S&R mit Kirk Kerkorian

Roy (Uwe) Horn

(3. Oktober 1944 – 8. Mai 2020)

Wittus Witt: Im Alter von 75 Jahren starb in Las Vegas einer der berühmtesten Zauberkünstler des 20. Jahrhunderts: Roy, Partner von Siegfried, und tragendes Element der Siegfried-&-Roy-Show, die von 1967 bis 2003 die Zauberszene im Spielerparadies beherrschte.

Einen Nachruf auf Roy zu schreiben kommt einem Nachruf auf Siegfried & Roy gleich. Roy gäbe es nicht ohne Siegfried und Siegfried gäbe es wahrscheinlich nicht ohne Roy. Beide waren eine Einheit, die sich grandios ergänzten.

Die Erfolgsstationen von Roy sind auch die von Siegfried. Beide traten ihr erstes Monats-Engagement 1963 im Hamburger Hansa-Theater an. Danach ging es kometenhaft aufwärts. 1967 begannen sie ihre Weltkarriere in Las Vegas im Tropicana, nachdem sie auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Monte Carlo ein Jahr zuvor von Grace Kelly entdeckt worden waren.

20 Jahre später unterschrieben sie einen Vertrag über 57,5 Millionen US-Dollar mit Steve Wynn, der gerade das neue Superhotel und Casino „Mirage“ plante. Zu dieser Zeit galt der Vertrag als der teuerste in der Welt des Showbusiness. Er wurde nur noch einmal 2001 durch einen weiteren Vertrag auf Lebenszeit übertroffen, der ihnen von dem Las-Vegas-Mogul Kirk Kerkorian angeboten wurde.[1]

Aber schon zwei Jahre später endete dieser Vertrag abrupt. Roy wurde von einem seiner Lieblingstiger angegriffen und lebensgefährlich verletzt. Entgegen allen Spekulationen beziehe ich mich auf einen Augenzeugenbericht, den die Magische Welt in der Ausgabe 6, 2003, Seite 336, veröffentlichte. In der besagten Vorstellung saß der ehemalige MW-Autor Alexander Knorr. Er schrieb:

Am Ende des ersten Teils wird Tempo herausgenommen, endlich hat das Publikum Gelegenheit, seine überstarke, positive Reaktion loszuwerden. Siegfried und Roy kommen nach vorne und sprechen via Mikrophon. Dann begibt sich Siegfried nach links und stellt sich in den Schatten, die Bühne gehört Roy, der an kurzer Leine einen weißen Tiger auf dem Laufsteg nach vorne, inmitten der Zuschauer führt. Roy beginnt zu sprechen und bricht dann plötzlich ab. Eigentlich hätte das Tier sich auf sein Kommando hinlegen sollen, tut dies aber nicht. Roy versucht den Tiger zum Hinlegen zu bewegen, dieser schnappt nach seinem Arm, Roy schlägt mit dem Mikrophon zu. Direkt vor mir ruft Siegfried aus dem Schatten: „Roy, Roy ... Roy ...“ und läuft los, zur Bühnenmitte. Mittlerweile geht der Tiger vom Publikum weg und drängt Roy vor sich her nach hinten. Roy stolpert, fällt, und der Tiger ist über ihm. Siegfried und zwei Sicherheitsleute sind bei den beiden, dann geht alles sehr schnell: In einem Rutsch verschwinden alle hinter die Kulissen.

Die Bühne ist leer, hinter den Kulissen hört man Rufen, das gesamte Publikum sitzt ruhig da, niemand schreit, niemand springt auf, keine Spur von Panik – der rituelle Raum des Theaters hält immer noch alle in seinem Bann. Überall anderswo, wenn direkt vor einem ein Mensch von einem Raubtier angegriffen wird, sieht man zu, dass man Land gewinnt. Aber hier, in dieser besonderen Umgebung und Atmosphäre, regieren andere Gesetze, die des Theaters und der Illusion. Als einzige Reaktion auf den Zwischenfall beginnen die Leute, sich darüber zu unterhalten. Bei uns am Tisch sitzt eine Dame, die der festen Überzeugung ist, alles gehöre zur Show. Doch ein paar Minuten später zerplatzt diese Illusion endgültig: Siegfried kommt auf die Bühne, ein entsetzter, gebrochener Mann. Er entschuldigt sich mehrfach beim Publikum und erklärt, die Show müsse abgebrochen werden. Dann verschwindet er. Wieder eine Weile später sagt man uns über Lautsprecher, dass die Show tatsächlich für heute Abend zu Ende ist, sowie Anweisungen, wie man sein Geld wiederbekommt. Erst jetzt stehen alle auf und begeben sich ruhig und geordnet zum Ausgang. Draußen werden wir von Angestellten und anderen Gästen angesprochen, jeder will wissen, was passiert ist. Jemand, der soeben Nachrichten gehört hat, sagt uns, Roy sei gerade noch so am Leben.

Am nächsten Tag erfahren wir, dass der Tiger Roy am Hals gepackt hatte. Hinter der Bühne konnte man die beiden zunächst gar nicht trennen. Ein für die Show arbeitender Schreiner nahm schließlich einen Feuerlöscher; das Löschpulver hat das Tier dann vertrieben. Roy blutete stark, und obwohl die Schlagadern unverletzt blieben, wollte er aber mit der Bemerkung, er müsse wieder auf die Bühne, sofort aufstehen. Innerhalb von vier Minuten waren Sanitäter bei ihm, welche die Blutung stoppen konnten. Im Ambulanzwagen ging es dann in die Uniklinik, wo sofort eine Notoperation durchgeführt wurde; auf dem Weg dorthin wehrte sich Roy gegen eine Beatmungshilfe und gab die Anweisung, man möge den Tiger nicht töten. Während der Operation, es wurden unter anderem Knochensplitter entfernt, musste Roy wiederbelebt werden. Gegen morgen erlitt Roy einen oder mehrere Schlaganfälle, so dass eine weitere Operation notwendig wurde. In den nächsten Tagen hieß es, er sei stabil, aber immer noch in kritischer Verfassung – die Ärzte gaben sich vorsichtig optimistisch. Bis heute weiß man nicht, ob Roy ganz wiederhergestellt sein wird, oder ob, durch die Schlaganfälle bedingt, nicht Hirnschäden zurückbleiben werden.

So weit der Augenzeugenbericht von Alexander Knorr. Inzwischen wissen wir, dass Roy offensichtlich keine Hirnschäden zurückbehalten hat, aber sein Leben war seit diesem Abend ein anderes. Er war bis zum Schluss auf Hilfe angewiesen, seinen Humor hatte er dabei nicht verloren. 2009 besuchten beide Künstler noch einmal gemeinsam Deutschland, sie waren Ehrengäste im Hansa-Theater.

Die Legende Siegfried & Roy hat nun ein weiteres Ende gefunden, ausgelöst durch ein winziges Virus, das Roy noch mehr anhaben konnte als der gewaltige Tiger.

Nachweise

  1. Otto Wessely: Hommage für S&R, in: Magische Welt, 53. Jahrgang, Heft 1, 2004, Seite 9