6 Millionen Aufrufe seit März 2014

Sie vermissen eine spezielle Biografie oder einen Artikel zu einem besonderen Thema? Dann helfen Sie bitte und schicken Sie uns eine Mail.

Fredo Marvelli

Aus Zauber-Lexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche
Fredo Marvelli mit dem „tanzenden Seil“
Programmheft Fredo Marvelli; Archiv: Wittus Witt
Fredo Marvelli; Archiv: Wittus Witt
Fredo Marvellis Hotel in Benidorm

Fredo Marvelli (*4. Mai 1903 in Prudnik, Polen, als Friedrich Jäckel; † 6. Mai 1971 in Andorra) war ein deutscher Zauberkünstler, Autor, Erfinder und Verleger.

Leben

Friedrich Jäckel war der Sohn eines Försters und sollte nach dem Willen der Eltern Theologie studieren, aber schließlich ging er bei einem Dentisten in die Lehre. Das Lehrgeld verdiente er sich als Geiger in einem Konzertcafé. Nach der Ausbildung ging er kurzentschlossen zur »Welt-Arena Brandenburg«. Hier begann seine Laufbahn als Zauberkünstler, und durch anhaltendes, beständiges Üben erreichte er einen überdurchschnittlichen Grad an Fingerfertigkeit. Anfänglich ohne besonderen Erfolg gelang es ihm 1925, als Japaner Ly Yong im Zirkus Busch in Breslau mit der »Wunderkugel« Aufsehen zu erregen.[1]

Bald danach wählte er den Namen Marvelli und entwickelte den für ihn typisch werdenden Stil eines Intel­lektuellen auf der Bühne.

1937 erhielt er für seine Vorführungen auf dem Zauberkongress des Magischen Zirkels in Berlin den »Ring des Magischen Zirkels«, die damals höchste Auszeichnung, für ein Jahr zuerkannt. 1938, auf dem Weltkongress in Frankfurt am Main, erhielt er den Ring ein zweites Mal.

Marvelli unternahm zahlreiche Tourneen durch viele Länder, so durch Südamerika und die Sowjetunion. Er gastierte kaum in Varietés, sondern mietete für seine Vorstellungen große Säle.

Einen seiner größten Erfolge konnte er 1939 in Berlin verbuchen. Hier mietete er den bekannten Beethoven-Saal, der bislang nur klassischer Musik vorbehalten war. Marvellis Vorstellung wurde zu einem großartigen Triumph.

Die Berliner illustrierte Nachtausgabe schrieb am 14. Februar 1939: „... Marvelli braucht zu seinen Zaubereien keine groß aufgebauten Requisiten, keine Bühne, keine Assistentin, keinen Bauch mit doppeltem Boden ... Das ist unmöglich! So etwas gibt es ja gar nicht! Die Berliner staunen. Hunderte von Operngläsern sind auf die Bühne gerichtet; denn jeder will wissen, wie Marvelli, der große deutsche Zauberkünstler, so erstaunlich und großartig zaubern kann. Marvelli, der schlanke lächelnde Mann im Rampenlicht, der keinen schwarzen Hintergrund und keine geheimnisvollen Geräte auf der Bühne hat, fürchtet die Operngläser nicht. Seine Zauberkunst ist geradezu unheimlich, und kein Mensch im stark besuchten Beethofensaal […] kann erkennen, wie es möglich ist, dass ein Glas Milch unbeschädigt durch einen Porzellanteller hindurchrutscht. […] Es gibt scheinbar nichts, was Marvelli nicht kann. Selbst die größten Skeptiker im Saal erkennen voller Bewunderung die unfasslichen Tricks Marvelliss an und immer quittieren Beifallsstürme das erstaunliche Kunststück, das für Marvelli eben nicht erstaunlich ist. Ein Zauberer, ein verzauberter Abend und einige Hundert verzauberte Berliner, wenn das nicht Zauber genug ist ... .“

Während der Darbietung plauderte er mit den Besuchern, und er hielt sie nur mit seinen Händen, fast ohne Apparate, für zwei Stunden in seinem Bann. Von seinen vielen Kunststücken sind besonders hervorzuheben: sein Fang brennender Zigaretten, den er im Tanzschritt vorführte, sein schwebender Stab, den man als Vermächtnis Hofzinsers bezeichnen kann, und vor allem sein, in langjähriger Arbeit entstandenes, lebendes Seil. Es lag erst unscheinbar auf einem Tisch, um dann unter UV-Licht zum Leben zu erwachen, unter Rucken und Zucken richtete es sich steil auf, um zum Schluss wieder zusammenzufallen. Dabei war es nichts weiter als ein dickes Seil, das die Zuschauer untersuchen konnten.

Marvelli in der NS-Zeit

Magie, November/Dezember 1942

Im September 1942 wurd Marvelli vom Magischen Zirkel von Deutschland durch den Präsidenten Helmut Schreiber ausgeschlossen. Schreiber begründete diesen Auschluss mit dem unkollegialen Verhalten Marvellis, der Alois Kassner beleidigt haben sollte. Der wirkliche Grund mag jedoch in der Tatsache zu suchen sein, mit der Marvelli sich über die Leitung des Vereins durch Schreiber kritisch geäußert und dies in einem Brief an Kassner gegenüber geäußert hatte. Kassner wiederum hatte diesen Brief an Schreiber weitergeleitet und dieser zeigte den Brief des ihm nahestenden Joseph Goebbels. Dieser setzte darauf hin Marvelli auf eine Liste Namen von Persönlichkeiten, die am 16. Oktober 1942 auf einer Pressekonferenz verteilt wurde. Weder Fotos noch Namen der auf dieser Liste stehenden Personen durften fortan publiziert werden. Außer Marvellis Namen konnte man unter anderen auch den Namen der damals bekannten Sängerin Lale Anderson finden. Damit war jedoch die Werbemöglichkeit für Veranstaltungen mit Marvelli wesentlich eingeschränkt. Dies führte dazu, dass Marvelli das Land verließ und sich auf Vorstellungen von deutschen Truppen im Ausland konzentrierte, da er sich hier vor einer Gestapo-Überwachung sicher fühlen konnte.[2][3] So war er unter anderm auch in Nordafrika, wo er für den Marschall Rommel Fotos anfergtigte. Auf die Frage der spanischen Zeitung „ABC“ im Jahre 1957, ob er als Spion tätig gewesen sei, antwortete Marvelli: „Ich musste alles machen. Es ist auch eine Art zu kämpfen. Mit dieser Kleidung und entsprechend getarnt ging ich von unseren Positionen zu denen der Feinde, um dort sensible militärischen Missionen auszuführen.“

1943 gab Marvelli im Hotel George V in Paris ein Vorstellung für Erwin Rommel. Als Dank dafür erhielt er einen kostbaren Silberteller mit persönlicher Widmung Rommels.[4]

Die Kunst Marvellis

Marvellis Vorstellungen zeichneten sich vor allem durch ein besondere Dramaturgie aus, zu der er klassische Musik einsetzte. Ein Novum in der damaligen Zeit. Die Vorstellungen begannen fast immer mit 30 Takten aus der symphonischen Tondichtung „Till Eulenspiegel“ von Richard Strauß. Vor der Pause zeigte er den schwebenden Stab „nach Hofzinser“. Nach der Pause begann er mit einer Manipulation brennender Zigaretten, die fast unaufhörlich in seinen Händen erschienen. Dazu bewegte er sich wie ein Tänzer. Zum Schluss zeigte er das Kunststück, an dem er so viele Jahre gearbeitet hatte, das lebende Seil. Ein großes, kräftiges Seil begann sich plötzlich wie eine Schlange zu bewegen, es stieg empor, entknotete sich und fiel danach wieder in sich zusammen.

In seinem Programmheft von1948 schreibt Marvelli über die Zauberkunst: „Ich sehe in der Magie die Vollendung geistig-künstlerischen Schaffens und nicht nur eine höhere Stufe artistischer Geschicklichkeit.“ Ferner heißt es in diesem Heft: „Marvelli – selbst anspruchsvoller Musiker – wendet sich an musische Menschen und überträgt Themen der klassischen Musik in magische Kunst.“

Abschied von der Bühne

Auf dem Zenit seines künstlerischen Schaffens gab Marvelli die Zauberkunst auf und zog sich nach Spanien zurück. Hier entdeckte er das Dorf Benidorm an der Costa Blanca und machte es für den Tourismus populär. 1972 schrieb dazu die Illustrierte STERN: „Der aus Breslau stammende Magier, einst gefeierter Star des Berliner Weltstadtvarietés »Scala«, wollte nach Valencia, wo er am Abend im »Teatro municipal« eine Vorstellung geben sollte. Aber Marvelli kam nie in Valencia an. Während der Fahrt hatte er rechter Hand, unten am Strand des Mittelmeers, ein von Reben- und Olivenhainen umgebenes Dorf erspäht. Marvelli: »Ein Paradies von unvergleichlicher Schönheit.«

Spontan verzichtete der Zauberer auf sein Gastspiel in Valencia und fuhr ins Dorf. Auf dem Ortseingangsschild las er in verwaschenen Buchstaben den Namen Benidorm (zu deutsch: Schlaf gut!). Das war im November 1952. An Ort und Stelle verscherbelte Marvelli seinen Bus und kaufte für 30 Peseten (1,50 Mark) pro Quadratmeter ein Fleckchen Land. Der Deutsche ließ sich von einheimischen Handwerkern ein Haus bauen, das er dann »Casa Marvelli« nannte. Um seinen Lebensunterhalt brauchte sich der Magier fortan nicht zu sorgen. Er vermietete Zimmer an deutsche Freunde – an die Schauspielerin Grethe Weiser, an ihren Kollegen Werner Fuetterer und an die Komponistentochter Evelyn Künneke.“[5]

Marvelli in Spanien

In Spanien nannte sich Fredo nun Federico und er begann, sich auch als Landschaftsfotograf zu betätigen. Er schoss mit seiner Rolleiflex viele reizvolle Motive in und um Benidorm herum, die er auf Ansichtskarten vermarktete.

Im Oktober 1960 verkaufte Marvelli sein Gästehaus und zog in sein Privathaus, das er auf einem Hügel auf der anderen Seite der Bucht – ebenfalls mit Meeresblick – erbaut hatte.

1963 zog er nach Andorra. „Hier habe ich sehr große Vorteile, wie z. B. Steuerfreiheit, nur eine jährliche Abgabe von 18,00 DM usw. Kein Militär, kein Zoll, keine Autosteuer ... Spanien gehört jetzt der Vergangenheit an, und ich habe dort das beste Geschäft meines Lebens gemacht, so dass ich keinen Finger mehr krumm machen brauch und mein Geld ist gut angelegt.“[6]

Am 14. Februar 1970 erlitt Federico Marvelli einen Schlaganfall, von dem er sich nie mehr richtig erholen konnte.

Ehrungen

Hintergrundinformation

Der Zauberkünstler Wolfgang Scheuer weiß zu berichten, dass die Requisiten für Marvellis Tanzende Seil von dem Dresdner Zauber-Ingenieur Herbert Paufler angefertigt wurden.[7]

Veröffentlichungen

  • Zauberkünste, J. N. Hofzinser, 1942

Artikel (von Marvelli)

  • Der Zauberlehrling, in: Magisches Magazin, 4. Jahrgang, Heft 4, 1954, Seite 95
  • Der lebende Flaschenkorken, in: Magisches Magazin, Heft 6, 6. Jahrgang, 1956, Seite 127

Literatur über Fredo Marvelli

Broschüre über Fredo Marvelli, 2017, 48 Seiten

Quellen

  • Biografie in: Magisches Magazin, Heft 5, 4. Jahrgang, 1954, Seite 97 ff.
  • Nachruf in Magie, 51. Jahrgang, Heft 6, Juni 1971, Seite 143 ff.

Nachweise

  1. Das große Hokuspokus, Aus dem Leben berühmter Magier, Gisela und Dietmar Winkler, Henschelverlag, Berlin 1981, S. 474.
  2. Ausschluss Marvelli, in: Magie, Heft 11–12, 25. Jahrgang, November/Dezember 1942, Seite 330
  3. Richard Hatch in: Magische Welt, 48. Jahrgang, Heft 1, Seit 51
  4. Wittus Witt: Marvelli - Magie in künstlerischen Vollendung, 2017
  5. STERN, Heft Nr. 53, 24. Dezember 1972, S. 29 ff.
  6. Brief an den Zauberkollegen Fredo Raxon, 10. Oktober 1964.
  7. Gespräch Wolfgang Scheuer und Wittus Witt am 14. März 2015, in Potsdam